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BEGEHRTER ALS FRANZÖSISCH
Tschechisch wird zum Wunschfach
Sigmund-Wann-Realschule in Wunsiedel gestaltet einen in Bayern einzigartigen Modellversuch
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Keine Angst vor den Haken und
Akzenten: Die Sprachanimateure des Koordinierungszentrums
deutsch-tschechischer Jugendaustausch „Tandem“ aus Regensburg machen an der
Wunsiedler Realschule Lust auf die tschechische Sprache
FOTO: HANNES BESSERMANN |
VON JOACHIM DANKBAR
Als erste Realschule in ganz Bayern kann die Sigmund-Wann-Realschule in Wunsiedel Tschechisch als Wahlpflichtfach anbieten. Das Interesse daran ist riesig groß. Bei einem Festakt in Wunsiedel wurde nun der offizielle Startschuss gegeben.
WUNSIEDEL – Die Auflagen waren streng, aber die Sigmund-Wann-Realschule hat sie alle mit Leichtigkeit übertroffen: Seit diesem Schuljahr ist sie die erste Realschule in Bayern, in der Schüler Tschechisch als Wahlpflichtfach belegen können. Mit Bravour hat die Schule alle Hürden auf dem Weg zu diesem für Bayern bislang einzigartigen Modellversuch genommen.
Und das Ganze in nicht einmal einem Jahr, wie Schulleiter Hannes Kahler am Mittwochabend bei einem Festakt in der Aula berichtete. Denn erst im November des vergangenen Jahres hatten sich sein Stellvertreter Reinhard Wölfel und der Lehrer Ewald Enders an ihn mit dem Vorschlag gewandt, an der Realschule aus Tschechisch mehr als nur ein Wahlfach zu machen. Ihre Idee: Gerade hier in der Grenzregion, in der immer mehr Firmen Mitarbeiter mit Tschechisch-Kenntnissen suchten, sollten Schüler die Möglichkeit bekommen, diese Sprache genauso wie etwa Französisch als zweite Fremdsprache ab der siebten Klasse bis zur Prüfung der Mittleren Reife zu belegen.
Die Begeisterung in der Schule und der ganzen Region war so groß, dass auch das bayerische Kultusministerium trotz anfänglicher Bedenken einem Schulversuch zustimmte. Schließlich lag dem Ministerium eine riesige Referenzliste von Unterstützern aus allen Teilen der Gesellschaft und vor allem der Wirtschaft vor.
Um die Bedingungen des Ministeriums zu erfüllen, ging die Schulleitung mit Unterstützung der Euregio Egrensis außergewöhnliche Wege. Man besuchte das zweisprachige Gymnasium im sächsischen Pirna, wo Tschechisch bis zum Abitur unterrichtet wird.
Mit Hilfe dieser Schule und des sächsischen Kulturministeriums gelang es in rekordverdächtiger Zeit, einen Lehrplan für das erste Unterrichtsjahr auszuarbeiten. Ganz unbürokratisch sagten die Sachsen auch zu, die Schulbücher für den Unterricht in Bayern zu liefern.
Das bayerische Kultusministerium verlangte aber auch, mindestens zwei kompetente Lehrkräfte zu stellen, damit eventuelle Krankheitsvertretungen gesichert sind. Die Sigmund-Wann-Realschule stellt drei Lehrerinnen, alle drei ausgebildete Pädagoginnen. Hauptsächlich unterrichten wird vorerst Marcela Pöhlmann, eine Tschechin, die in ihrem Heimatland schon Deutschuntericht gab. Viele Schüler kennen sie schon vom Wahlunterricht an der Realschule. Ihr zur Seite stehen Dr. Eva Schricker und Monika Caranova.
Vor allem aber übertraf das Schülerinteresse alle Erwartungen. Das Ministerium in München hatte von der Schule 20 Mindestteilnehmer gefordert, insgeheim aber durchblicken lassen, dass man den Versuch notfalls auch mit 14 Schülern starten würde. Geworden sind es mehr als doppelt so viel: Der erste Tschechisch-Jahrgang startet mit 32 Schülern. Zum Vergleich: Französisch als Wahlpflichtfach belegten nur 16 Schüler. Wie Schulleiter Hannes Kahler in einer Pressekonferenz vor dem Festakt berichtete, seien zum Schuljahresbeginn sogar noch fünf Gymnasiasten nur wegen Tschechisch an die Realschule übergetreten.
So viele oberfränkische Zähigkeit nötigte auch der Ministerialbürokratie Respekt ab. Der Modellversuch sei vor allem deshalb auf die Beine gekommen, weil eine ganze Region an einem Strang gezogen habe, versicherte Regierungsdirektor Konrad Huber, der im bayerischen Kultusministerium für diesen Versuch zuständig ist. Er machte darauf aufmerksam, dass die Schüler in Wunsiedel einen hochwertigen Sprachabschluss erwerben werden; die zentrale Prüfung werde in nichts jener für andere Fremdsprachen nachstehen.
Dass nicht nur eine Schulleitung, sondern die ganze Region sich für den Modellversuch eingesetzt habe, freute auch den CSU-Landtagsabgeordneten Dr. Karl Döhler, der – so Kahler – in München einen erheblichen Beitrag zum Gelingen des Vorhabens geleistet hatte. Döhlers Forderung an das Kultusministerium: Auch im Falle der angestrebten Fachoberschule werde nun die Unterstützung für die Bildungsplanungen der Region erwartet.
Dieser Meinung ist auch die Marktredwitzer Oberbürgermeisterin und Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Bayern der Euregio Egrensis, Dr. Birgit Seelbinder. Sie wies darauf hin, dass der Tschechisch-Unterricht gerade an Realschulen wichtig sei. Ihre Absolventen stellten das zukünftige Rückgrat der Wirtschaft im Fichtelgebirge. „80 Prozent der zukünftigen Arbeitsplätze werden mit Tschechien zu tun haben“, war sich Seelbinder sicher. Immer mehr würden Tschechisch-Kenntnisse wichtig für die Mitarbeiter hiesiger Firmen. Das werde sich noch verstärken, wenn 2011 zwischen Tschechien und der Bundesrepublik die Arbeitnehmerfreizügigkeit gelte. Dann stünden Arbeitskräfte im Landkreis im Wettbewerb mit Kollegen in Tschechien, die in aller Regel an ihren Schulen ab der dritten Klasse Deutsch lernen.
Oder lernten, denn wie Euregio-Präsident Frantisek Curka berichtete, ist in der Tschechischen Republik gegenwärtig gerade ein gegenläufiger Trend zu beobachten: Dort werde Deutsch an den Schulen mehr und mehr von Englisch und Französisch verdrängt. „Hoffentlich brauchen wir nicht in der Zukunft auch so ein Projekt“, gab er zu bedenken.
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Marcela Pöhlmann (rechts)
unterrichtet an der Sigmund-Wann-Realschule Tschechisch. Unterstützt wird
sie von Dr. Eva Schricker (links) und Monika Caranova (Mitte).
FOTO: JOACHIM DANKBAR |
Quelle: Frankenpost vom 28.9.2007